Das Leiden der Dickbäuche

Humorvolle Cartoon-Illustration von drei Männern mittleren Alters mit ausgeprägten Bierbäuchen, die vor einem zweifarbigen grünen Hintergrund stehen und jeweils ein bernsteinfarbenes Getränk im Glas halten.

Der Feind hat die Kontur einer massiven Kugel und wiegt rund zwölf Kilo, gelagert direkt zwischen Rippenbogen und Beckenkamm. Klaus, 63, sitzt im Unterhemd auf der Kante seiner Matratze, wo der lautlose Nahkampf beginnt. Er hat die schwarze Baumwollsocke bereits zwischen seinen Fingern gespannt. Dort, wo seine Zehen sein müssten, sieht er nur seine gewölbte Körpermitte, die eine unverrückbare Barriere zu seinen Füßen bildet.

Sockendesaster

Nun folgt ein biomechanisches Tauchmanöver unter Sauerstoffmangel. Klaus holt tief Luft, füllt die Lungen, presst die Lippen aufeinander – und taucht ab. Mit dem Vorbeugen schnappt die Falle zu. Der Bauch drückt gegen die Oberschenkel, er staucht die Eingeweide zusammen und drückt das Zwerchfell gnadenlos nach oben. In Sekundenbruchteilen wird sein Gesicht dunkelrot.

Dabei fehlen noch zehn Zentimeter bis zur Ferse. Diese fehlenden zehn Zentimeter sind für vele Männer in den 60ern ein ein fast unüberwindbares Hindernis. Denn die Lendenwirbelsäule federt nicht mehr wenn der Rumpf durch den Bauch in seiner Bewegung behindert wird. Die Socke über die Zehen zu zerren ist ein Blindflug. Schließlich sieht er seine Füße nicht mehr.

Klaus keucht und sein Oberkörper schnellt empor, er stemmt die Handballen auf die Knie, während sein Herz gegen die Rippen klopft. Aber der linke Fuß wartet noch. Und am Schuhschrank hängt ein 75 Zentimeter langer Schuhlöffel. Ohne den kommt er nicht mehr in seine Schuhe. Klaus hält dieses morgendliche Ringen für eine peinliche Privatsache, aber er ist nicht alleine. Klaus ist der ist statistische deutsche Regelfall.

Erhebungen zum Bierbauch

Schaut man in die epidemiologischen Erhebungen des Robert Koch-Instituts, teilt er das morgendliche Keuchen mit fast der Hälfte aller Männer seiner Alterskohorte. Für die Weltgesundheitsorganisation beginnt das Problem nicht auf der Personenwaage, sondern am Maßband. 102 Zentimeter Taillenumfang markieren die Schwelle zur roten Zone. Ein Wert, den zwischen dem 60. und 69. Lebensjahr mehr als 40 Prozent der deutschen Männer überschreiten. Zieht man die Grenze für ein moderates Risiko bei 94 Zentimetern heran, liegt das vermeintlich „normale“ Spektrum bei weit über zwei Dritteln.

Was am Stammtisch oder beim Grillabend gern als Wohlstandsbauch verharmlost wird, markiert in der Altersmedizin das unbarmherzige Zusammentreffen zweier gegensätzlicher Kurven. Seit dem 50. Geburtstag schrumpft die Skelettmuskulatur ohne Training um gut ein Prozent pro Jahr. Die reine Muskelkraft schwindet sogar noch schneller. Trifft dieser biologische Substanzverlust auf zehn oder fünfzehn Kilogramm viszerales Fettgewebe vor der Lendenwirbelsäule, sprechen Geriater von dynapener Adipositas.

Bankrotterklärung

In der Praxis ist das die biomechanische Bankrotterklärung der eigenen Statik. Der Körper verhält sich nicht mehr wie ein flexibles Gesamtsystem. Vielmehr wirkt er wie ein physikalisches Fehlkonstrukt. Ein massives Zusatzgewicht zerrt permanent am langen Hebel vor dem Körperschwerpunkt. Währenddessen arbeitet das muskuläre Fundament im Rumpf längst im Leerlauf.

Internationale Kohortenstudien wie die britische ELSA-Untersuchung oder die Health ABC Study beziffern den Preis dieser Verschiebung unmissverständlich. Männer mit diesem Profil tragen ein mehr als doppelt so hohes Risiko, bei elementaren Handlungen des Alltags, dem Bücken, Knien und Ankleiden der unteren Extremitäten an funktionelle Grenzen zu stoßen. Das Risiko für schwere Stürze verdreifacht sich. Außerdem verdoppeln sich die Scherkräfte auf die unteren Bandscheiben bei jeder Vorwärtsbeugung.

Dysfunktion des Körpers

Die scheinbar banale Unfähigkeit, sich ohne Atemnot die Schuhe zu binden, ist kein isolierter Schönheitsfehler des Alterns. Sie ist der klinische Schwellenwert, der die schleichende Entmachtung des eigenen Körpers konterkariert. Es gibt eine Lösung, die anstrengend und unangenehm ist, sie heiẞen Beschränkung und Training.

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